xplore Berlin 2018 Bericht von Jeanne Philippe

Die Kontinuität sexueller Freiheit in einer vormals liberalen Stadt

Jedes Festival hat eine ganz eigene Infrastruktur, eine ganz eigene Architektur und bildet eine eigene Sozialstruktur heraus. Nehmen wir die “Fusion”. Das Festival für (elektronische) Musik, Theater, Performance und Kino auf einem ehemaligen russischen Militärflugplatz in Mecklenburg Vorpommern, das innerhalb von zwanzig Jahren von einem Festabend mit 100 Personen zum größten „Zeltlager der Republik“ mit rund 75.000 Besuchern herangewachsen ist. Die ehemaligen Hangare, in denen zur Zeit des Ostblocks die sowjetischen Flieger parkten, werden als Musik- und Eventbühnen genutzt und die früheren Rollfelder werden durch temporäre Installationen, wie Skulpturen aus Schrott, Gärten aus Hängematten, Wäldern mit Discokugeln und Streetfoodwagons zu Flaniermeilen. Programm gibt es 24 Stunden an fünf Tagen, die Nacht wird zum Tag. Ob man schläft oder durchfeiert, unterliegt dem eigenen Ermessen und keiner Norm. Hier wird in Extase getanzt, es werden Newcomer entdeckt, bekannte DJs gefeiert,Vorträge, Workshops und Aufführungen besucht. Man verkleidet sich auffällig, debattiert, trinkt Alkohol, nimmt Drogen oder lässt es. Wird in Theaterkreisen von einer „Krise des Theaters“ gesprochen, so können weder Netflix noch Spielkonsolen mit der Intensität dieser Live-Erfahrung mithalten.

Seit den 1990er Jahren spricht man von einer „Festivalisierung der Gesellschaft“ (Häußermann: Stadtpolitik), doch die Geschichte des Festivals, mit allen Merkmalen die wir heute z.B. auf der Fusion erleben, geht auf die Dionysien, einem mehrtägigen Fest zu Ehren des Wein- und Fruchtbarkeitsgottes Dionysos, im antiken Griechenlands zurück: Bei den Dionysien lässt sich eine Entwicklung von dessen religiösem Ursprung zu einem Fest mit kultischen Gesangs-, Tanz-, und Opferriten bis zur griechischen Tragödie bzw. Komödie verzeichnen. Und auch sonst verfügen die Dionsysien über typische Merkmale eines Festivals: Es handelt sich um ein themengebundenes oder kuratiertes Festival, das zeitlich befristet und räumlich begrenzt erfolgte und durch seinen spektakulären Charakter für hohe Sichtbarkeit bei Publikum und Medien sorgte. Nicht zuletzt hat dessen bemerkenswerte Architektur den Stellenwert des „antiken Griechenlands“ bis heute als Alleinstellungs-merkmal der Stadt Athen manifestiert.

Wenn es heißt, Berlin sei „arm aber sexy“ (Wowereit: 2006), dann ist hiermit die Attraktivität Berlins auch auf sinnlicher Ebene gemeint. Die Selbst-Wahrnehmung, das Selbstbild und die Selbstdarstellung Berlins in Gegenüberstellung mit anderen Städten, wie der Bücherstadt Leipzig,der Messestadt Hannover oder dem ehemaligen Westdeutschen Regierungssitz Bonn, spielt sehr bewusst mit dem verruchten Image, das ihr seit den „Goldenen Zwanziger Jahren“ des 20. Jahrhunderts anhaftet. Ein Zeitraum, der die Phase des Wirtschaftsaufschwungs und der Blüte von Kunst, Kultur und Wissenschaft zwischen 1924 bis zur Weltwirtschaftskrise in 1929 kennzeichnet: Berlin war die drittgrößte Metropole der Welt und Zentrum eines neuen, hedonistischen Lebensgefühls. Urbanisierung, Industrialisierung, Aktienhandel und soziale Verwahrlosung auf der einen Seite brachten den Aufstieg des Berliner Amüsierbetriebs zum internationalen Publikumsmagneten mit sich und machten die Stadt mit dem Bären im Wappen zur Hauptstadt der Schwulen und Lesben, zum Tempel für Fetisch, Okkultismus, Drogen und die Freie Körperkulturbewegung. Hier schließt auch die als „Serie der Superlative“ angekündigte Produktion „Babylon Berlin“ (2018)an: Die Produktion spannt einen historischen Bogen über 100 Jahre Zeitgeschehen, überschreibt dieses mit dem Slogan: „arm aber sexy“ und verleiht dem Hedonismus Berlins einen Marktwert sowohl im Bereich des Filmbusiness – auch hier knüpft die Stadt mit „Babylon Berlin“ an die erfolgreiche Vergangenheit des Ufa-Palasts und das Image von internationaler Filmproduktion vor der Vormachtstellung Hollywoods an – als auch im Bereich des Tourismus.

Freilich erzeugt diese „Politik der großen Ereignisse“, wie die Inszenierung von „Babylon Berlin“ eine höhere Sichtbarkeit als Kontinuität – aber gerade weil es diese Kontinuitäten auch gibt, kann Berlin aus dieser „Tradition“ für sich einen Erfolg generieren – offenbar auch ohne die Kontinuitäten zu fördern. Und so profitiert Berlin, will es sein Image als „sexy“ pflegen, auch von der Arbeit Felix Ruckerts und dessen Xplore Festival, das der Kreativität und Sexualität gewidmet ist.

Xplore ist keine kommerzielle Ausprägung eines Lust-Ortes, wie etwa der Kitkatclub. Die Xplore spielt an der Schnittfläche zwischen Choreographie und Sexualität, an der Grenze zwischen Choreographie und Performance-Kunst und bildet insofern eine Sub- und Nischenkultur, da Berlin die Förderung der Arbeit von Felix Ruckert seit 2006 eingestellt hat. Im Zweifel zieht sich die Förderpolitik eben doch auf ihre Armut zurück. Berlin ist prüde geworden oder bigott.

Während Tom Tykwer den Kriminalroman „Der nasse Fisch“ (2008) von Volker Kutscher studiert, praktiziere ich bei Lina Bangsbo Yoga: „If you open your asshole you open your mind.“ Nichts daran ist spektakulär. Alles daran ist effektiv: Beim Feueratem wird nicht nur die Bauchdecke nach innen gezogen sondern auch der Genitalbereich. Im nach unten schauenden Hund wird nicht nur der Rücken gedehnt sondern der After zum Himmel gereckt. Auf Wunsch ergänzt durch leichtes Flogging, das erhöht die Wahrnehmung für Po und Analbereich: ‚Ah ja: Hier kann ich mich noch ein bisschen weiter strecken.’

Während 40 Millionen Euro für die teuerste deutsche Fernsehproduktion aller Zeiten rekrutiert werde, hat Krisana Psychologie studiert und Mazen seinen Doktor in Neurologie geschrieben. Inzwischen beschäftigen sich die beiden mit Trauma und üben mit ihren Workshopteilnehmern Zustände und Möglichkeiten des Umgangs mit Gefahr. Wir stellen uns vor: Ein Bär: Wir boxen in die Luft, kämpfen um unser Überleben, Brüllen lautstark. Der Bär verschwindet. Wir schütteln uns aus und hüpfen. Hüpfen. Immer wieder hüpfen. Das teilt dem Nervensystem mit: Alles ok. Alles ist gut. Wenn Kinder sich freuen, hüpfen sie ganz unmittelbar. Wenn wir hüpfen, freuen wir uns. So einfach ist Neurologie als angewandte Praxis. Wir stellen uns vor: Ein Nashorn. Kämpfen geht nicht. Das Horn ist stärker als wir. Also rennen wir. Schreiend durch den Raum. Auf der Flucht. Geschafft. Wir sind entkommen. Schütteln. Hüpfen. Das Schütteln und Hüpfen wirkt wie ein Radiergummi im Nervensystem. Das Nervensystem begreift: Die Gefahr ist vorbei. Wir stellen uns vor: Ein Tiger. Ein Tiger ist stärker als wir. Kämpfen geht nicht. Ein Tiger ist schneller als wir, flüchten geht nicht. Also Freeze. Still und Stumm stehen wir auf einem Bein im Raum. Der Tiger muss geglaubt haben, wir seien Bäume. Gefahr vorbei. Schütteln, Hüpfen. Ein neuer Zustand von Neutralität ist erreicht. Erstens: Da ist keine Gefahr. Zweitens: Wenn da eine Gefahr ist, bin ich ihr gewachsen. So einfach ist Neuroscience. Small things, wie diese Übung, make big changes. Ein neues Bewusstsein: Es gibt keine Gefahr, der ich nicht gewachsen wäre. Und von Männern geht keine Gefahr aus.

Während die Dreharbeiten von „Babylon Berlin“ erfolgreich voranschreiten, praktiziere ich die „Bonobo Erfahrung“ im Workshop von Jason Hall und lerne vom Tier in mir: Bonobos sind unter allen Affenarten jene, die die größte genetische Ähnlichkeit mit dem Menschen aufweisen. Bonobos leben als Matriarchat in Gruppen. Berührung und Sexualität sind Mittel der Gemeinschafts- und Beziehungspflege, wer im Zoo länger als zehn Minuten vor dem Bonobokäfig ausharrt, wird mehrere sexuelle Interaktionen zu sehen bekommen. Bonobos leben explizit polygam. Zirka fünfzig Workshopteilnehmer praktizieren im Workshop von Jason Klarheit in der Kommunikation, Humor sowie Respekt vor den Grenzen Anderer: „If someone says „no“ to you and „yes“ to someone else, that is… beautiful.“ Gegenseitiges Studium von Grimassen, gegenseitiges Füttern, Füttern bei Stress durch die Simulation von Nahrungsmittelknappheit, Verlust und Wiederfinden eines Gruppenmitglieds, Umgang mit einer Gewitternacht sind Übungsfolgen und Experimente, bei denen die Fähigkeiten zur (Selbst-) Fürsorge, Durchsetzungskraft und sozialen Interaktion durch die Identifikation mit einem anderen Selbst (dem Bonobo) und der Interaktion in einer Community auf Zeit spielerisch neu erfahren und das eigene Verhaltens-Repertoire erweitert wird.

Während Berlin immer noch an seinem verruchten Image schraubt, habe ich einen neuen Lieblingssong:

I never loved this hard this fast before/ but then again I never loved a boy like you before/ I never had somebody sweep me off the floor/ The way you do.
I never kinked this hard this long before/ But then again I never fucked a boy like you before/ I never had someone I could fuck hardcore/ Until I met you

Tami Tamaki

Während „Babylon Berlin“ 5.000 Komparsen castet hat und an 300 Drehorten insgesamt 200 Tage dreht, beobachte ich, wie zwei Shibari- Künstler zwei Frauen gemeinsam in einem Bondage einbinden, die sich, während alle anderen Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt sind, sich sanft gegenseitig an der Schulter küssen.

Während die Premiere des Films am 28. September 2017 in Berlin gefeiert wird ejakuliere ich zum ersten Mal. Unsere Wege und Blicke kreuzen sich am Programmaushang. Ich weiß noch nicht wohin. Er nimmt mich bei der Hand. Seine Augen sehen sehr alt und sehr jung zugleich aus. Es fühlt sich sicher an. Ich weiß noch nicht, was kommt, aber ich bin offen dafür. Ich muss pinkeln aber ich gehe nicht. Stattdessen bieten Mara, Hannah und Matis in ihrem Workshops mehr Drinks: Wasser in 0,5l Bechern. Neugierde und Ängstlichkeit spielen in mir wie Licht und Schatten unter der Sommersonne. Mara, Hannah und Matis haben eine Zeremonie vorbereitet. Ich höre, aber verstehe nicht. Stattdessen vertraue ich, dass der Prozess mich leitet.

Frauen. Starke Frauen versammeln sich. Übungen. Ich verlagere das Gewicht von einem Bein auf das Andere. Es fühlt sich schwanger an, so stark pinkeln zu müssen. Wir bekommen gezeigt, erklärt und erläutert, wie weibliche Ejakulation funktioniert. Ach, so einfach ist das!? Die Übungen fühlen sich an wie Geburtsvorbereitung: Hockposition mit Partner, tiefes Atmen. Mit verschränkten Armen von hinten gehalten werden. Gewicht an den Anderen abgeben, entspannen. Jawoll: Only females can prepare females for better sex or for giving birth. Und dann geht es los: Approaching my mate. My mate for 30 minutes. Slowly I walk towards him. Seeking for support of another woman. Mara holds me, like shown before. I am supported. I let go. Slowly at first. Then, helping myself with my hand. I ejaculate. For the pleasure of an other. Yet: This is no charity. I feel devotion, dedication, pleasure. Devotion so easy to give because the other remains receptive. Graceful. Thirsty at times. And I feed him through my well-being. By simply letting go. I receive his gratitude with my open heart. I lay down. I am released. My cells let go. Yes. So very easy: No orgiastic breathing, no screaming, just pleasure on both sides. And that was it.

Und während der Film raus kommt, pinkle ich vertrauensvoll auf Männer. So what? Und manchmal schläft auch meine Libido und da ist nix zu machen. Und dann schaue ich Netflix.

„Babylon Berlin.“ Das Image einer verruchten Stadt. 1920 und 2020 hat Berlin den Ruf, „arm aber sexy“ zu sein. Schade, dass Strukturen, die so wesentlich zur sexuellen Emanzipation von Frauen und Männern beigetragen haben darin so wenig öffentliche, strukturelle oder politische Unterstützung erhalten. Und so bleibt die Xplore ein Festival mit einer eigenen Infrastruktur, einer eigenen Gesellschaft, die einen ihr eigenen Raum von sozialer Einbindung und emotionaler Sicherheit hervorbringt; ein kuratiertes Festival, das zeitlich befristet und räumlich begrenzt erfolgt und als spektakulär gelten kann, obwohl die Vielfalt der Sexualität alltäglich und normal ist. Dass in Berlin aber die Vielfalt der Sexualität alltäglich ist, das verdankt Berlin weder Klaus Wowereit noch Michael Müller sondern vielmehr Felix, Judith, Mara, Sarka und all den Anderen.

Dass diese Vielfalt der Sexualität in Berlin alltäglich und selbstverständlich ist, haben weder Klaus Wowereit noch Michael Müller, sondern Felix, Judith, Mara, Sarka und die vielen anderen bei Xplore zu verdanken.

Jeanne Philippe (Berlin, Okt 2018)

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