xplore Berlin 2018 Bericht von Karina Kehlet Lins

Die transformative Kraft des Erotischen

Felix Ruckert, der Gründer von Xplore, war im Frühjahr 2018 in Dänemark auf einer "Living Room Tour" um über sexpositive Räume zu sprechen. Ich hatte das Glück, dabei zu sein - Felix war sehr inspirierend. Ich bin Psychologin mit viel theoretischem Wissen, aber nur wenig praktischen Erfahrungen in sexuellen Subkulturen. Im Moment bin ich spezialisiert auf systemische Sexualtherapie, und je mehr ich sexualwissenschaftlich arbeite, je mehr spüre ich den Wunsch Verbindungen zu schaffen zwischen der akademische Welt der klinischen Sexualwissenschaft und den sexuellen Subkulturen. Außerdem bin ich der Überzeugung, dass wir uns in meiner Branche unserer persönlichen Sexualität sehr bewusst sein und unsere Werte und Einstellungen in Bezug auf Sex kritisch reflektieren sollten. Das mag herausfordernd sein (hören wir jemals auf zu lernen?), aber ich empfehle so viel wie möglich über das Thema herauszufinden. Natürlich werden in meinem Feld spezielle Kurse z.B. zu „Sexual Self Acknowledgement“ (Sexueller Selbst-Annahme) angeboten oder auch "Sexual Attitude Reassessment“ genannte Workshops zur zur Neubewertung der sexuellen Einstellung. Diese helfen einem Psychotherapeuten sensibilisiert zu werden für die sexuelle Materie und tragen dazu bei, etwas über die eigene Sexualität zu erfahren. Man sollte als Wissenschaftler*in grundsätzlich auch über die eigenen Moralvorstellungen und Werte nachdenken und eigene Vorurteile erkennen und hinterfragen. Als ich Felix also das erste Mal traf und er mich fragte, ob ich nicht an der Xplore Veranstaltung in Berlin teilnehmen und eine Rezension aus der Sicht einer Anfängerin schreiben möchte, habe ich sofort zugesagt.

Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen, die sich mit sexuellen Subkulturen beschäftigen, wie beispielsweise die BDSM-Community, dazu neigen, extrovertierter und psychologisch ausgeglichener zu sein, ganz im Gegensatz zu den landläufigen Überzeugungen und auch im Gegensatz zu der alten, pathologischen Sichtweise von BDSM Praktiken aus der klinischen Welt. Wir wissen auch, dass Sexualität mehr als nur Geschlechtsverkehr ist, obwohl es in der alten Sexualtherapie-Schule hauptsächlich um Leistung geht und sich darauf konzentriert, ob die „Werkzeuge“ funktionieren (dh Erektion und Schmierung). Auch seit dem Aufkommen von PDH-5-Hemmern wie Viagra wird die Sexualtherapie immer noch stark von der medizinischen Perspektive beeinflusst.

Langsam entwickelt sich jedoch eine neue Richtung im Bereich der Sexualtherapie, bei der es um mehr geht, als nur die rein funktionellen Fähigkeiten zum Geschlechtsverkehr zu prüfen. Der Psychologe und Sexualtherapeut Ulrich Clement prägte dazu den Satz: "Die Potenz des Mannes beginnt dort, wo seine Erektion aufhört". Sex ist mehr als nur ein „Trieb“; Sex ist auch eine Ressource, ein Vergnügen, ein Spielplatz, ein Ort der Heilung und sogar Transformation: besonders wenn Sex als bewusster Akt im richtigen Kontext statt findet. Das soll nicht heißen dass Sex nicht oft auch dunkel, beängstigend und verstörend wirkt oder dass Sex automatisch zur Heilung von Traumata führt. Aber die transformative Kraft des Sex ist da und wir sollten auch im klinischen Bereich anfangen, mehr darüber zu reden. Wenn der Fokus ausschließlich auf Leistung, Koitus und Orgasmus liegt, verzichten wir auf die Möglichkeit tiefer in die Erforschung der Sehnsüchte, Hoffnungen und Phantasien einzutauchen, die eben auch zur erotischen Dimension des Menschen gehören. Ein guter Ausgangspunkt für solch eine Reise kann die Teilnahme am Xplore-Festival sein, denn mit seinem breiten Angebot an Workshops und Spielplätzen, bietet es vielfältige Anregungen um mehr über die Einzigartigkeit der eigenen Sexualität nachzudenken.

Das Thema in diesem Jahr war "Shit happens", was unterschiedliche Assoziationen erlaubt. Für mich bedeutete es, offen zu sein, nicht zu viel im Voraus zu planen und zu wissen, dass - wenn etwas nicht so läuft, wie ich es mir wünsche - es dieses Jahr ein Thema gab, das mich daran erinnern sollte, dass alles okay ist : Scheiße passiert eben einfach. Soweit ich auf der Website lesen konnte, war sexy oder bequeme Kleidung geeignet, und da Berlin im Sommer'18 brütend heiß war, war es nicht so schwer herauszufinden, was ich anziehen würde - nicht viel. Die Xplore website empfahl auch, ein oder zwei Handtücher, eine Yogamatte, etwas Desinfektions-Spray und evtl. Einweg- Handschuhe mitzubringen. Außerdem stand dort das gesamte Programm vorab zum Studium zur Verfügung, so dass ich anfangen konnte Pläne zu machen, welche Workshops ich besuchen und welche Räume ich erkunden wollte.

Am Freitagmorgen, als ich mich auf den Weg machte, fühlte ich mich nervös, ohne wirklich zu wissen, was auf mich zukommen würde. Aber ich habe mir gesagt, dass ich gute Aussicht auf viele interessante Menschen und spannende Tage habe und dass es drei beruhigende Grundsätze für die gesamten Tage gab: safe, sane & consensual (sicher, vernünftig und einvernehmlich). Also brauchte ich wirklich nicht ängstlich sein, es würde nichts passieren, was ich nicht wollte, oder zumindest würde ich jederzeit sagen können, wenn ich aufhören wollte. Wenn ich Brücken zwischen der akademischen Welt und den sexuellen Subkulturen bauen will, muss ich wohl mal einen ersten Schritt tun. Die Perspektive des „Beginner’s Mind“, der Aufgeschlossenheit des Anfängers, ist ein grosser Luxus, eine einmalige Erfahrung. Mit diesem kleinen kognitiven Schub trat ich also heraus aus meiner Komfortzone und ein in die weite Welt von Xplore.  

Bei der Ankunft kam ich sofort ins Gespräch mit ein paar Leute von einer BDSM-Gruppe aus einer anderen Stadt, weit weg von Berlin, und wurde spontan zu einem Kaffee eingeladen. Nachdem ich die Freundlichkeit dieser Fremden erlebt hatte, fühlte ich mich mutiger und ging in die wirklich schönen Gebäude, in denen Xplore stattfand. Der erste Workshop, an dem ich teilnahm, ging um „Consent“ (Einvernehmlichkeit), was sehr informativ war und nicht all zu viel außerhalb meiner Komfortzone. Ich lernte wichtige Dinge, es gab eine gute Demonstration, hilfreiche Übungen und ich war dankbar für den langsamen Start. Ein besserer Einstieg hätte dieser Workshop wirklich nicht sein können. Außerdem stellte jemand vom "Insecurity-Team" das Konzept der Unterstützergruppe bei Problemen vor, was mich entspannter und zuversichtlicher für die kommenden Tage machte. Alles schien in Ordnung zu sein und war willkommen, sogar das Unbehagen von unerfahrenen Menschen wie mir.
Da ich immer noch zu nervös war, um direkt in einen der Spielräume zu gehen, beschloss ich einen Workshop zu „Spielen mit Frischhaltefolie“ zu besuchen.

Wenn Sie sich nie vorstellen konnten, etwas anderes mit Frischhaltefolie zu tun als eben Lebensmittel frisch zu halten, würde Ihnen dieser Workshop den Atem rauben. Es begann mit einer spektakulären Demonstration der Lehrerin, die ihre Assistentin komplett einwickelte: im Grunde genommen ein Mumifizierungsritual, gepaart mit sexuellem Spiel. Ich war völlig verzaubert, die Demo war wunderschön und gleichzeitig referierte die Dozentin zu Details wie Einvernehmlichkeit und Kommunikation. Sie präsentierte außerdem verschiedenen Ideen, wie mann/frau dem verpackten Subjekt und/oder sich selbst Vergnügen bereiten konnte - mit einem Vibrator und ein wenig Atemkontrolle zum Beispiel. Zusätzlich hatte die Dozentin einen großen Sinn für Humor. Nach der Demo hatten wir eine Stunde Zeit zu spielen, während der die Lehrerin und ihre Assistentin da waren, um uns zu helfen und zu beraten.

Die Art und Weise in der Xplore inszeniert ist, erlaubt es dass die Gäste wirklich jederzeit überall hingehen, experimentieren oder auch nur herumhängen können und somit in Ihrem Tempo ausprobieren, was immer sie wollen. Es gibt verschiedene Bereiche, Workshop Räume und Spielorte, wo Besucher*innen entspannen, BDSM Spielen oder auch Massagen geben bzw. empfangen können - was auch immer sie begehren. Ich nahm alles in mich auf, unsicher, wohin ich gehen sollte und was ich in den nächsten Tagen tun sollte. Ich dachte, wie schön es wäre, jemand da zu kennen, oder mit einer kleinen Gruppe von Freunden zu Xplore zu kommen, um sich hin und wieder zu treffen, um Erfahrungen auszutauschen oder auch um einfach miteinander Mittagessen zu können. Da ich ein wenig unsicher und nicht cool genug war, um einfach in die Spielräume zu gehen um zu erfahren, was da passierte, nahm ich dann an einem weiteren Workshops teil.

Bei diesem ging es um das Experimentieren mit Sensualität und körperlicher Behinderung, was ich für eine interessante Idee hielt. Es endete damit, dass es mich komplett aus meiner Komfortzone heraus schob, aber nicht wegen der körperlichen Behinderung. Nein, das gefiel mir sehr! Die Herausforderung war für mich einen Partner zu finden mit dem ich mich zusammentun konnte. Wir sollten dies schweigend tun, nur durch Blickkontakt, und ich merkte, dass dies nichts für mich war. Wir mussten volle vier Minuten still stehen, was eine wirklich lange Zeit ist, wenn man sich unwohl fühlt. Glücklicherweise erschien dann ein freundliches Gesicht, jemand näherte sich mir langsam und ruhig und ich fühlte mich erleichtert. Der nächste Schritt im Workshop war dann dass jede/r seine Behinderung wählen konnte und ich entschied mich, keine Arme haben zu wollen. Also fesselte mich mein Partner und plötzlich war ich nur noch ein Oberkörper mit Beinen und Kopf. Dann sollten wir versuchen, unsere Partner zu verführen und dies war schon seltsam, mit jemandem, den ich überhaupt nicht kannte. Meine Partnerin und ich waren beide neu bei Xplore und allein, aber das war es auch schon an Gemeinsamkeiten. Es war in Ordnung, aber als wir danach darüber sprachen, äußerte sie die Vermutung, dass die meisten Leute im Workshop wohl Paare gewesen wären. Später am Tag sah ich ein paar der Leute wieder und fragte nach: Einige waren tatsächlich Paare, andere zwar nicht, kannten sich aber bereits. Es schien, dass nur einige wenige von uns ganz allein bei xplore waren, was meine Schwierigkeit beim Vier-Minuten-Versuch, jemand auszuwählen, erklären konnte. Vielleicht lag es auch an mir: ausgestattet mit nur wenig Erfahrung in dieser Art von Umgebung muss ich es erst noch lernen in einem sexuellen Raum voller Fremder zu navigieren.

Der letzte Workshop, für den ich mich in diesem Jahr bei Xplore entschied, war das Single-Tail-Whipping (Peitschen mit einschwänziger Peitsche). Die Demonstration war schockierend und schön zugleich, der Master peitschte sein Subjekt erst zart, dann aber auch ziemlich heftig. Einige Leute gingen weg, andere kamen näher ran - ich dachte mir schon, was die eine anmacht, turnt den anderen ab. Die Demonstration zeigte die Verwendung einer Einschwanz-Peitsche, die lautlos aber auch knallend eingesetzt wurde, die ein Werkzeug zum Umarmen aber auch zum Knebeln sein kann und natürlich auch ein Mittel um jemand die Hölle aus dem Leib zu prügeln. Der Dozent sprach über die Anatomie der Einschwanz-Peitsche, aber auch die Gefahren und Vorzüge, die dieses Instrument bieten kann. Es war sehr lehrreich anzuhören und fast hypnotisierend zu beobachten.

Zu einem späteren Zeitpunkt des Festivals, als ich endlich den Mut hatte, den Spielraum „Schule der Liebe“ zu betreten, traf ich dort den Peitschenmeister und sein Subjekt wieder. Wir hatten ein sehr intensives Gespräch über das Peitschen, und dann auch über das Spielen mit Strom. Nach dem Austausch weiterer Höflichkeiten fragten sie, ob ich mit ihnen in den „Silent Space“ kommen wollte, für eine Elektro Play Demonstration. Ich sagte ja - und es war fantastisch! Endlich hatte ich jemanden, der mich in den „Stillen Raum“ begleitete und ich hatte eine tolle Erfahrung. Außerdem war ich sehr dankbar für die Zeit, die die beiden sich nahmen, um mich einzuweisen und mit mir zu spielen. Ich fühlte mich „elektrifiziert“ (Wortspiel beabsichtigt)!

Als sich das Festival dem Ende näherte, dachte ich über die Dinge nach, die ich über mich gelernt hatte. Ich hatte Seiten entdeckt, von denen ich mit ziemlicher Sicherheit nie etwas erfahren hätte, oder zumindest nicht so schnell. Und obwohl es bei dem Festival um Lust ging, nicht um Therapie, hatte ich tatsächlich das Gefühl einige Dinge repariert und geheilt zu haben. Solange Du den Maximen von “safe, sane & consensual“ (sicher, gesund und einvernehmlich) folgst, ist Xplore der Ort, an dem Du alle Vorurteile fallen lassen, den Geist öffnen und in die Tiefe gehen kannst.

Die Frage, wer Du sexuell bist oder sein willst, ist eine Frage, die sich immer wieder von Neuem stellt. Bei Xplore wird man zum Spielen eingeladen und kann zwanglos unterschiedliche Rollen und Verhaltensweisen ausprobieren, ohne Scham oder Furcht vor Zurückweisung. Natürlich nur im Rahmen von Einvernehmlichkeit. Obwohl ich mich in der Umgebung von Xplore oft als sehr nackt und manchmal fast hilflos wahrnahm , fühlte ich mich trotzdem sehr sicher. Mir fiel auf dass es keinerlei unerwünschte Berührungen gab, sondern im Gegenteil, eine sehr respektvolle Einstellung gegenüber den Anderen. Es herrschte eine allgemein einladende Atmosphäre, auch wenn jemand nicht sicher war, ob er oder sie überhaupt bei etwas mitmachen wollte. Die Teilnahme an Xplore ist ein riesiges Geschenk, eine Möglichkeit gründlich und lustvoll über sich selbst zu reflektieren. Und es schafft eine ganz besondere Atmosphäre, von so vielen „sexpositiven“ Menschen umgeben zu sein. Die drei Tage brachten viele verschüttete Gedanken wieder in mein Bewusstsein, vergessene Erinnerungen aus meinem Leben tauchten auf und gaben mir viel Nahrung zum Nachdenken. Psychologen wie Peggy Kleinplatz und Jack Morin würden das wohl die "Transformative Kraft der Erotik" nennen, und da Felix Ruckert sehr talentierte Dozent*innen für die Xplore auswählt, bedeutet dies, dass man dank der fähigen Hände und dem immensen Verständnis, von dem man hier umgeben ist, wirklich loslassen kann.

Bevor ich das Festival verließ, sprach ich noch einmal mit Felix Ruckert. Er sagte mir, dass es typisches Anfängerverhalten sei, erstmal ganz viel an Workshops teilzunehmen. Leute, die schon oft bei Xplore waren, verschwinden oft direkt in den Spielräumen um ihre xplore-Zeit dort zu verbringen. Die Erfahrenen nehmen im Laufe der drei Tage vielleicht nur an ein oder zwei ganz spezifischen Workshops teil. Noch ein Denkanstoß.

Ich kann das Xplore-Festival allen, die sich ernsthaft mit Sexualwissenschaft beschäftigen möchten, nur sehr herzlich empfehlen. Und ein besonderes Dankeschön an Felix und das gesamte Team hinter Xplore!

Karina Kehlet Lins
Klinische Psychologin & Sexualtherapeutin

(Berlin, Okt 2018)

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